EU-Beitritt fördert Kroatiens Wettbewerbsvorteile

Posted by on Jun 17th, 2013 and filed under Allgemein, Breaking News, Markets. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0. You can leave a response or trackback to this entry

Investitionen in Industrie sowie Strukturreformen sind größte Zukunftsaufgaben

– Herausforderung: Förderung von FDI in produktiven Sektoren, die Arbeitsplätze, Exporte und nachhaltiges Wachstum generieren

– Tourismus ist sicheres Steckenpferd; hohe Erwartungen werden an Energie- und Verkehrssektor gesetzt, aber Strukturreformen erforderlich

– Ausscheiden aus CEFTA könnte kurzfristig Exportleistung dämpfen, dafür bietet EU-Beitritt Zugang zu starkem, konkurrenzfähigem Markt

– Kroatien wurden EUR 11,7 Mrd an EU-Mitteln zugeteilt, deutliche Effekte für die Wirtschaft werden erst mittelfristig erwartet

– EU-Mitgliedschaft wird zu fiskalischer Stabilität verpflichten und damit das Investitionsklima verbessern

Der Beitritt Kroatiens zur Europäischen Union findet am 1. Juli 2013 statt und damit zu einem Zeitpunkt, zu dem beide Wirtschaftsräume große Anstrengungen unternehmen, um die Konjunktur wieder anzukurbeln. Die heute von der Erste Group veröffentlichte Studie „Kroatien: auch in schwierigen Zeiten eine Erfolgsgeschichte?“ („Croatia: success story despite hard times?“) geht davon aus, dass der EU-Beitritt als wirkungsvoller Katalysator das Wachstumspotenzial des Landes wiederbeleben wird.

„Nach den langwierigen Wachstumsproblemen der letzten Jahre ist es keine Überraschung, dass man den Vorteilen aus der EU-Mitgliedschaft mit optimistischer Erwartung entgegenblickt. Zwar ist die Vorstellung, Kroatien werde in ähnlichem Ausmaß, wie die Länder der früheren Erweiterungsrunden profitieren können, ambitioniert.

Doch das Land verfügt über einige Wettbewerbsvorteile wie die geografische Lage, das nicht ausgeschöpfte Potenzial im Tourismus, ein gut ausgebautes Straßennetz und einen aufstrebenden Energiesektor. Falls Kroatien seine Vorzüge richtig einsetzt und Reformen vorantreibt, erwarten wir, dass all diese Vorteile durch die EU-Mitgliedschaft mittelfristig noch besser genutzt werden können“, erklärt Alen Kovać, Chefökonom der Erste Bank Kroatien.

Aufgrund des EU-Beitritts verstärkte Kapitalzuflüsse, Wissenstransfer und der Zugang zu neuen Märkten sollen Kroatien neue Wachstumschancen ermöglichen. Das Land konnte bereits im letzten Jahrzehnt bedeutende Zuflüsse an ausländischen Direktinvestitionen (FDI) verbuchen. Allerdings blieb Kroatien hinsichtlich der Investitionsstruktur hinter vergleichbaren CEE-Ländern zurück.

Während der Dienstleistungsbereich dominierte, erfolgten FDIs im Industriesektor nur sehr spärlich. So wurde zwar die Robustheit des Bankensektors gestärkt, aber die Entwicklung der Produktion, die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Exporte blieben verhalten.

Die Herausforderung besteht darin, eine ähnliche Wachstumsdynamik wie in anderen Länder der Region zu schaffen, insbesondere durch Förderung ausländischer Direktinvestitionen in produktiven Sektoren und die Entwicklung von handelbaren Gütern, die exportiert werden können. Außerdem sollte die Beschleunigung der Privatisierung – ein erklärtes Ziel der Regierung – frisches Kapital, höhere Effizienz und einen Wissenstransfer sicherstellen.

Der Tourismus ist ein sicheres Steckenpferd; hohe Erwartungen für den Energie- und den Verkehrssektor, aber Strukturreformen als große Herausforderung

Zwar ist eine Auswahl einzelner Sektoren schwierig, doch nach Einschätzung der Erste Group-Analysten wird vor allem der Tourismus dank seiner seit Ausbruch der Krise robusten Performance und des noch nicht ausgeschöpften Potenzials starkes Interesse auf sich ziehen. Angesichts der geografisch sehr günstigen Lage ist auch das kroatische Verkehrswesen vielversprechend.

Da zudem das Straßennetz bereits gut ausgebaut ist, besteht in den EU-Fonds mehr Spielraum für andere Infrastrukturprojekte, insbesondere für den Ausbau von Eisenbahnen und Häfen. In den Bereichen Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung wird der Erfolg von der Realisierung von Skaleneffekten abhängen.

Dabei sind die Bemühungen der Regierung um eine stärkere Nutzung von im Staatsbesitz befindlichen Brachflächen ein Schritt in die richtige Richtung. Stark gehypt wird der Energiesektor, wo insbesondere das Ziel der Importsubstitution verfolgt wird. In allen diesen Sektoren stellen Strukturreformen eine große Aufgabe für die Zukunft dar.

Zur Anlockung neuer Investoren ist es zudem unerlässlich, wirtschaftsfreundlichere Bedingungen zu schaffen. „An internationalen Maßstäben, wie dem Global Competitiveness Index, dem Corruption Perceptions Index, oder dem Ease of Doing Business-Indikator gemessen, liegt Kroatien hinter vergleichbaren Ländern der Region.

Probleme zeigen sich insbesondere in Bezug auf Größe und Effizienz des öffentlichen Sektors, unflexible Arbeitsmarktbestimmungen und schwachen Anlegerschutz. Das bedeutet, dass Reformen unbedingt beschleunigt werden müssen.

Ermutigende Signale sind bereits erkennbar, da die Politiker die Notwendigkeit rascher Reformen erkannt haben. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen, um das Wirtschaftsklima zu verbessern, Investitionshemmnisse zu beseitigen und das Vertrauen von Investoren zu gewinnen“, betont Kovać.

Ein Ausscheiden aus CEFTA könnte kurzfristig Exportleistung dämpfen, dafür bietet
der EU-Beitritt Zugang zu einem starken und konkurrenzfähigen Markt

Der Beitritt zur EU steht nicht nur für den Beginn eines neuen Kapitels, sondern bedeutet auch den Austritt Kroatiens aus dem Central European Free Trade Agreement (CEFTA). Dies wird die Wettbewerbsfähigkeit auf dem CEFTA-Markt im Handel mit Bosnien & Herzegowina und Serbien aufgrund höherer Zölle verringern.

„Wir erwarten durch das Ausscheiden aus dem CEFTA-Markt kurzfristig negative Auswirkungen, doch der EU-Markt bietet mit seinen 500 Millionen Menschen mittelfristig mehr Potenzial. Zusätzlich würde die EU-Mitgliedschaft angesichts stärkerer Importe aus der EU für die heimische Produktion einen Wettbewerbsdruck nach sich ziehen, was hoffentlich zu Effizienzsteigerung führen, für viele Unternehmen aber auch ein schwierigeres wirtschaftliches Umfeld bedeuten wird“, erklärt der Experte.

Kroatien wurden EUR 11,7 Mrd an EU-Mitteln zugeteilt. Eine deutliche Auswirkung auf die Wirtschaft wird allerdings erst mittelfristig erwartet

In der Periode 2014-20 werden Kroatien insgesamt Mittel von EUR 11,7 Mrd (etwa 25% des BIP 2013) zur Verfügung stehen. Mittelfristig sind der Abschluss von Verträgen und der Einsatz derart beträchtlicher Mittel für das Wachstumspotenzial des Landes wesentlich.

Allerdings wurde die Aufnahme von Vorbeitrittsmitteln aus dem IPA-Fonds durch Kroatien in der Vergangenheit oft als mittelmäßig kritisiert. Da außerdem zu Beginn einer Programmperiode Vertragsabschlüsse und Zahlungen langsamer erfolgen und erst nach etwa einem Jahr an Schwung gewinnen, sollte Kroatien erst mittelfristig einen deutlichen Effekt aus EU-Mitteln erwarten können.

Das bedeutet, dass Kroatien den institutionellen Rahmen stärken und Strukturreformen beschleunigen muss, wenn es von dem ihm zugeteilten beträchtlichen EU-Mittel in vollem Umfang profitieren will.

Die EU-Mitgliedschaft wird zu fiskalischer Stabilität verpflichten und damit das Investitionsklima verbessern

Nach dem Beitritt zur EU kann gegen Kroatien ein Defizitverfahren eingeleitet werden, wenn das Haushaltsdefizit über 3% des BIP steigt. Zusätzlich werden die Alarmglocken schrillen, wenn die Gesamtverschuldung des Landes 60% des BIP überschreitet.

Während manche Kommentatoren der Meinung sind, eine Einleitung eines Defizitverfahrens würde negative Signale aussenden, sehen Analysten der Erste ein solches Verfahren als Chance. Der implizite Ruf nach Korrekturmaßnahmen und die Forderung, Kroatien möge mittelfristig einen fiskalischen Konsolidierungskurs verfolgen, könnte als quasi-IWF-Aktion betrachtet werden, die eine ordentliche Fiskalpolitik unterstützt und mehr Engagement für die Erreichung von Fiskalzielen gewährleistet.

Außerdem wird Kroatien den verstärkten Stabilitäts- und Wachstumspakt einhalten müssen. Dieser beinhaltet das so genannte „Six Pack“ der EU, das die Grundlage für zusätzliche Fiskal- und makroökonomische Maßnahmen sowie Überwachungsaktionen bildet, wobei sich der Fokus von nominellen zu strukturellen Zielen verlagert.

„Eine wichtige Säule des Six Pack der EU ist die Schuldenabbauregel, die eine Reduktion überhöhter Schulden um 1/20 vorschreibt, was praktisch einer Stabilisierung der derzeit ansteigenden Staatsschuld gleichkommt. Insgesamt wird das Six Pack mittelfristig die Fiskalstabilität fest verankern und damit das Umfeld für Anleger risikoärmer gestalten“, so Alen Kovać abschließend.

Alen Kovać , Clara Zawadski


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