Vereinigten Arabischen Emirate Risikofaktoren und Ausblick

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> Durch den starken Ölpreisverfall der letzten sechs Monate sind die Einnahmen der ölexportierenden Länder, wie auch die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), stark betroffen.

Doch dank der jahrelang erzielten hohen Haushalts- und Leistungsbilanzüberschüsse waren die VAE in der Lage, große Vermögen aufzubauen u.a. in Form bedeutender Staatsfonds, wie z.B. der Fonds der Abu Dhabi Investment Authority (ADIA).

Obwohl die VAE im Vergleich zu anderen Ländern der Region im Ausland relativ hoch verschuldet sind (die Auslandsverschuldung beträgt ca. 40% des BIP), beläuft sich das Nettoauslandsvermögen auf etwa 120% des BIP. Die Diversifizierung der Wirtschaft schreitet voran, und die Abhängigkeit von Öl- und Gaserlösen nimmt ab.

Da die Emirate als sicherer Hafen in einer unruhigen Region gelten, ziehen sie zunehmend Kapital und Touristen an. Dank der finanziellen Polster wird sowohl das kurzfristige als auch das mittel- bis langfristige politische Risiko jeweils mit der Kategorie 2 auf einer Skala von 1 (bester Wert) bis 7 (schlechtester Wert) bewertet.

Doch trotz der Diversifizierungsfortschritte stammen zwei Drittel der Exporteinnahmen der VAE immer noch aus Erdöl- und Gaserlösen. Die nachgewiesenen Ölreserven sind die siebtgrößten weltweit. So trifft der aktuelle Rückgang der Ölpreise die Wirtschaft spürbar.

Sollten die Preise auf diesem niedrigen Niveau verharren, könnte der Staatshaushalt in die Defizitzone abrutschen und die hohen Leistungsbilanzüberschüsse dürften der Vergangenheit angehören. Auch das Wirtschaftswachstum wird sich voraussichtlich abschwächen, nachdem es im Zeitraum 2011 bis 2013 noch einen soliden Jahresdurchschnittswert in Höhe von 5% erreichte.

Dies dürfte das Geschäftsumfeld belasten und das Geschäftsrisiko erhöhen.

Die Entwicklung der internationalen Ölpreise sowie die weltweiten Finanzierungsbedingungen sind somit das größte Risiko für die Wirtschaft der VAE. Zwar sind die Finanzierungsbedingungen derzeit relativ günstig, doch die mittelfristige Entwicklung ist mit Unsicherheiten behaftet.

Die Verschuldung der regierungsnahen Unternehmen (die bereits 2009/2010 eine Krise auslöste) birgt Risiken, weil ein großer Teil der Anleihen mittelfristig fällig wird.

Staatsoberhaupt
> Präsident Scheich Khalifa bin Zayid Al Nahyan, Herrscher von Abu Dhabi (seit 2004)

Regierungschef
> Premierminister Scheich Mohammed bin Raschid Al Maktoum (seit 2006)

Wahlsystem
> Staatspräsident: wird vom obersten Herrscherrat gewählt

> Nationaler Bundesrat (Federal National Council): eine Hälfte wird durch die Vertreter der Regierungen der einzelnen Emirate bestimmt, die andere Hälfte indirekt gewählt. Die letzte Wahl war im September 2011.

Pro

+ Hohe Öl- und Gasvorkommen und -erlöse

+ Abu Dhabi verfügt mit ADIA über einen der größten Staatsfonds weltweit

+ Bedeutendes Handelszentrum und regionaler Verkehrsknotenpunkt

+ Stabilität begünstigt Investitionen, Gewerbe und Tourismus

Kontra

– Der Ölpreis ist unter das Breakeven- Niveau gefallen

– Trotz Diversifizierungsfortschritten ist die Abhängigkeit von Rohstofferlösen sehr hoch

– Die Refinanzierung der regierungsnahen Unternehmen (Government Related Entities, GREs) ist eine Herausforderung, deren Bewältigung von der zukünftigen wirtschaftlichen Entwicklung abhängt – Die finanzielle Lage der Unternehmen ist nach wie vor intransparent

Kennzahlen

Bevölkerung
> 9,3 Millionen

Pro-Kopf-Einkommen
> 38.620 USD (2012)

Hauptexportgüter

Öl und Gas (63,6% der Leistungsbilanzeinnahmen, abzüglich der Reexporte und Importe der Freihandelszonen), Anlageerträge (9%), Tourismus (6%), unedle Metalle (2%)

Länderrisikoeinschätzung

Politische Stabilität begünstigt wirtschaftliche Entwicklung

In den vergangenen sieben Jahren waren die Vereinigten Arabischen Emirate, die aus den sieben Emiraten Abu Dhabi, Dubai, Scharjah, Ajman, Umm al-Quwain, Fudjairah und Ras al-Khaimah bestehen, ein sicherer Hafen in einer von politischen Unruhen überschatteten Region.

Während die Turbulenzen seit Anfang 2011 die Region Naher Osten/Nordafrika (Middle East and North Africa – MENA) erfassten, blieb die politische Lage in den VAE weitgehend stabil. Dies führte zu einem steigenden Interesse an dem Land. Kapital strömte dorthin.

Der Tourismus, der Immobiliensektor und das Gastgewerbe erlebten einen Aufschwung. So verzeichnete der Nichtölsektor in diesem und im vergangenen Jahr ein Wachstum von etwa 5,5%, womit die Dubai-Krise, die das Land noch 2009/2010 heimsuchte und das BIP in diesem Emirat um 5% einbrechen ließ, als überwunden angesehen werden kann.

Zwar sind die VAE weit von einem freiheitlichen politischen System entfernt, doch eine wirkliche Opposition kommt auch deshalb nicht zustande, weil die Herrscherfamilien populär sind und die Bevölkerung am Ölreichtum teilhaben lassen. Die starke Position der Emire wird zusätzlich durch die demographischen Verhältnisse untermauert, denn nur 10 bis 20% der Gesamtbevölkerung sind Bürger der VAE.

Unter den sieben Emiraten verfügt Abu Dhabi über die größte politische Macht, was auf die besonders gute finanzielle Ausstattung dieses Emirats aufgrund seiner hohen Öl- und Gasvorkommen zurückzuführen ist. Abu Dhabi verfügt über den Löwenanteil der nachgewiesenen Ölreserven der VAE, und seine Einnahmen machen fast zwei Drittel der konsolidierten Regierungseinnahmen aus.

Hinzu kommt, dass Abu Dhabi seit der wirtschaftlichen Unterstützung Dubais in den Jahren 2009/2010 die Gelegenheit nutzt, seine politische Kontrolle über Dubai durch eine zunehmende Zentralisierung der Verwaltungsstrukturen zu erhöhen.

Diversifizierungsbemühungen um Abhängigkeit vom Erdöl zu verringern

Die Wertschöpfung findet vor allem in den Emiraten Abu Dhabi (allein hier befinden sich etwa 94% der nachgewiesenen Ölreserven) und Dubai statt. Die Öl- und Gaserlöse sind die bedeutendste Einnahmenquelle (64% der Leistungsbilanzerlöse und 79% der Staatseinnahmen). Die nachgewiesenen Öl- und Gasreserven der VAE sind die siebtgrößten weltweit. Dubais Wirtschaft ist am stärksten diversifiziert.

Doch die gesamte Föderation versucht nachzuziehen und hat sich inzwischen zu einem bedeutenden regionalen Dienstleistungszentrum entwickelt, mit Schwerpunkten in den Bereichen Transport, Logistik, Finanzen und Tourismus.

Aufgrund dieser anhaltenden Diversifizierungsbemühungen (dazu gehört auch die erfolgreiche Bewerbung der VAE um die Weltausstellung Expo 2020) ist die Abhängigkeit vom Öl- und Gassektor geringer als in anderen ölexportierenden Ländern der MENA-Region.

Dennoch ist die Abhängigkeit von den Öl- und Gaseinnahmen (insbesondere für den Staat) nach wie vor hoch. Eine Diversifizierung der Einnahmenquellen ist wichtig, um die Abhängigkeit von den schwankenden internationalen Ölpreisen zu verringern. Der jüngste Einbruch der Ölpreise hat erneut gezeigt, wie volatil die Entwicklung an den Weltenergiemärkten sein kann.

Obwohl sich die Sicherheitslage in Libyen und im Irak verschlechtert hat, und der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine den Ölmarkt belastet, sind die Rohölpreise (Brent) nach einer langjährigen stabilen Entwicklung zwischen Juni und Dezember 2014 um fast 50% eingebrochen (siehe Grafik).

Wie sich der internationale Ölmarkt langfristig entwickeln wird, ist schwer einzuschätzen, da sich die Einflussfaktoren für Angebot und Nachfrage ständig verändern. Die Nachfrageseite hängt stark von der Entwicklung der Weltkonjunktur ab (die wiederum von den aufstrebenden Märkten beeinflusst wird).

Weitere Einflussfaktoren sind die Nutzung alternativer Energiequellen (z.B. im Transportsektor), Verbesserungen bei der Energieeffizienz und Bedenken hinsichtlich der Treibhausgasemissionen. Auf der Angebotsseite ist in den nächsten Jahren sowohl mit positiven als auch mit negativen Einflussfaktoren zu rechnen.

Zum einen könnte das Ölangebot infolge der weiteren technologischen Entwicklung bei der Schieferölgewinnung (weitere Produktionssteigerungen in den USA und auch in anderen Ländern sind zu erwarten, wenn die Frackingtechnologie erfolgreich exportiert wird) oder durch das zusätzliche Angebot anderer Länder (z.B. des Irans infolge einer Aufhebung der Sanktionen) steigen und Druck auf die Ölpreise ausüben.

Zum anderen könnten geopolitische Spannungen und Unruhen in den ölexportierenden Ländern die Ölproduktion beeinträchtigen und folglich die Preise in die Höhe treiben. Schließlich könnte die Zuteilung geringerer Förderquoten durch die OPEC die Preise stützten.

In diesem Fall würden die höheren Preise zum Teil durch niedrigere Produktionsmengen der Mitgliedsländer, einschließlich der VAE, neutralisiert werden (in den Sitzungen vergangenen Monat hat die OPEC die Förderquoten unverändert gelassen).

Ölpreise sind unter das Breakeven-Niveau gesunken…

Die Öl- und Gasreserven der VAE sind längst noch nicht ausgeschöpft. Bei einer Fördermenge auf dem Niveau von 2013 reichen sie noch für weitere 74 Jahre. Doch sind die internationalen Ölpreise mittlerweile unter das Breakeven-Niveau für den Staatshaushalt der VAE gefallen (also das Niveau, unter dem der Staatshaushalt ein Defizit aufweist).

Nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds liegt der Breakeven bei einem Preis von ca. 80 USD je Barrel. Sollte sich der Ölpreis also weiter auf dem aktuellen Niveau bewegen, könnte der Staatshaushalt der VAE schon bald (und zum ersten Mal seit 2010) in die Defizitzone abgleiten.

Während des Preisverfalls der letzten Tage ist der Ölpreis auch unter den Breakeven-Ölpreis für die Leistungsbilanz (also der Wert, ab dem die Leistungsbilanz defizitär wird) gesunken, der auf etwa 64 USD je Barrel geschätzt wird.

Im Gegensatz zu anderen Ländern der Region, deren Breakeven-Ölpreise in den vergangenen Jahren gestiegen sind, befindet sich der Breakeven-Ölpreis für den Staatshaushalt und die Leistungsbilanz der VAE aber auf etwa dem gleichen Niveau wie 2010.

…doch das hohe Auslandsvermögen lindert die negativen Folgen

Weil die VAE viele Jahre in Folge hohe Überschüsse im Staatshaushalt und in der Leistungsbilanz erzielt haben (2011 bis 2013 lagen diese im Durchschnitt bei 6,5% bzw. 16,5% des BIP), waren die Emirate in der Lage, bedeutende Auslandsvermögen durch Investitionen ihrer Staatsfonds (Sovereign Wealth Funds – SWFs) aufzubauen. Prominentestes Beispiel ist der Staatsfonds ADIA von Abu Dhabi.

Schätzungen zufolge beläuft sich das kumulierte Auslandsvermögen der VAE auf über 600 Milliarden USD. Das entspricht dem Vierfachen der Auslandschulden, die auf 40% des BIP geschätzt werden. So sind die VAE ein Nettoauslandsgläubiger mit einer Nettovermögensposition in Höhe von 120% des BIP.

Außerdem verfügt das Land über eine gute Liquidität, die Devisenreserven decken ca. sechs Monatsimporte ab. Dies entspricht einem komfortablen Devisenpolster, wenngleich es im Vergleich zu anderen Ölexportländern der Region nicht außergewöhnlich hoch ist.

Die Transparenz hinsichtlich der Vermögen der Staatsfonds (und ihrer Fälligkeitsprofile) ist weder in den VAE noch in anderen Ländern der Region besonders groß. Dies erschwert die Bewertung, ob die Vermögen im Fall externer Schocks schnell und zu akzeptablen Preisen in Liquidität umgewandelt werden können.

Angesichts der geschätzten Größenordnung ist aber davon auszugehen, dass die VAE im Fall eines größeren Finanzierungsbedarfs über einen ausreichend großen finanziellen Puffer verfügen.

Dubai löst seine Schuldenprobleme

Die Umstrukturierung der in Schwierigkeiten geratenen regierungsnahen Unternehmen in Dubai (Government Related Entities – GREs) ist nahezu abgeschlossen; die letzte größere Umstrukturierung (Dubai Group) wurde im Januar 2014 vollendet. Die Sanierungsmaßnahmen waren nach dem Platzen der Dubai-Blase 2009 notwendig geworden.

Damals waren die GREs ernsthaft in Zahlungsprobleme geraten (angesichts der engen Verbindung zum Emir hatten sie zuvor das Vertrauen der Finanzmärkte genossen, obwohl eine explizite Staatsgarantie fehlte). Die Zentralbank der VAE und das Emirat Abu Dhabi mussten die GREs mit einem 20-Milliarden-US- Dollar-Kredit retten, der bereits Anfang 2014 zu günstigeren Zinssätzen refinanziert werden konnte.

Insgesamt ist es den GREs inzwischen gelungen, ihre Verbindlichkeiten zu günstigeren Konditionen umzuschulden. Im August 2014 gab der Immobilienentwickler Nakheel bekannt, dass er seine gesamten Bankschulden vier Jahre früher als ursprünglich geplant zurückgezahlt habe.

Trotz dieser positiven Entwicklung belaufen sich die Verbindlichkeiten der Regierung von Dubai und der GREs immer noch auf etwa 140% des BIP – und fast zwei Drittel dieser Schulden werden vor 2019 fällig.

So wird Dubai in den nächsten Jahren nach wie vor anfällig für Schwankungen an den globalen Finanzmärkten bleiben, insbesondere auch dann, wenn die Märkte sensibel auf die Straffung der US-Geldpolitik reagieren. Denn wegen der Anbindung an den US-Dollar muss sich die Geldpolitik der VAE an der US-Geldpolitik orientieren.

Inzwischen haben sich die Preise im Immobiliensektor (der durch die Dubai-Krise stark in Mitleidenschaft gezogen wurde) wieder erholt. Die Preise einzelner Wohnimmobilien in Dubai haben bereits wieder Vorkrisenniveau erreicht. Die zweistelligen Preissteigerungen im Immobiliensektor im vergangenen Jahr hatten Befürchtungen geweckt, dass sich in Dubai eine neue Immobilienblase aufbaut.

Doch in den vergangenen Monaten hat sich die Preisentwicklung wieder beruhigt, nachdem die Regierung verschiedene Maßnahmen ergriffen hatte. Durch strengere Voraussetzungen für die Aufnahme von Hypothekenkrediten und höhere Transaktionssteuern hatte sie die Anreize für Spekulationen auf dem Immobilienmarkt verringert.

Außenpolitik im Zeichen der Stärke

In den vergangenen Jahren haben die VAE außenpolitisch mehr Stärke gezeigt. Die politische Führung empfindet den regionalen Einfluss der islamistischen Muslimbruderschaft (mit Ursprung in Ägypten) als eine Bedrohung für die innere Stabilität. Im vergangenen Jahr wurden Dutzende von Islamisten im Land verurteilt.

Nach der Absetzung von Präsident Mursi von der Partei der Muslimbruderschaft sind die Beziehungen zu Ägypten enger geworden. Die VAE haben zusammen mit Kuwait und Saudi-Arabien der neuen Regierung Ägyptens Finanzhilfen in Höhe von geschätzt 20 Milliarden USD zur Verfügung gestellt.

Zu Jahresbeginn beteiligten sich die VAE zusammen mit Ägypten an Luftangriffen in Libyen und im Irak. Die Abneigung der VAE gegen die Muslimbruderschaft hat auch die Beziehungen zum Golfkooperationsstaat Katar belastet, der die Muslimbruderschaft unterstützt.

Doch das Verhältnis zu Katar hat sich in den vergangenen Monaten etwas entspannt, nachdem Mitglieder der ägyptischen Muslimbruderschaft Katar auf Anweisung der Regierung verlassen mussten.

Christoph Witte, Photos Credendo Group


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